Vegetative Vermehrung bei Obstgehölzen

Traditionell werden Obstgehölze in spezialisierten Baumschulen herangezogen. Hier liegen die meisten Erfahrungen vor, und der Kunde kann sicher sein, dass Qualität, Sortenechtheit und Pflanzengesundheit gewährt sind. Deshalb kaufen die meisten Obstfreunde auch fertige Pflanzen in Baumschulen oder Gartenbaubetrieben. Wer darüber hinaus aber gerne experimentiert und bestimmte Pflanzen einmal selber vermehren will, kann sich einiger Vermehrungs-Methoden bedienen.
Bei der vegetativen Vermehrung verwendet man Teile von Pflanzen, die man zur Bewurzelung bringt oder aber auf eine Unterlage veredelt. Leicht anwendbar im Januar bzw. Frühjahr sind besonders die Vermehrungsverfahren auf eigener Wurzel, nämlich die Teilung (hierzu gehören Abrisse, Abssenker und Ableger), Wurzelschnittling und Steckholz.

Eine der ältesten Vermehrungsmethoden ist die Teilung einer Pflanze. Hierbei werden von einer Mutterpflanze eine oder mehrere bewurzelte Nachkommen erzeugt:
Abrisse nach Anhäufeln: Hier wird die Mutterpflanze vorher scharf zurückgeschnitten (bis 10 cm über dem Boden). Im Spätjahr/Winter wird die Pflanze dann leicht angehäufelt, so dass sich der Neuaustrieb im Frühjahr direkt an der Basis bewurzeln kann. Wichtig ist, dass man im Laufe des Frühjahrs bis in den Juni hinein immer wieder anhäufelt, um gute Bedingungen für die Bewurzelung zu bekommen. „Geerntet“ werden die neuen Pflanzen dann im Herbst des selben Jahres nach dem Blattfall. Nach dem abhäufeln reißt (Abriss) oder schneidet man die bewurzelten Neutriebe einfach von der Mutterpflanze ab. Von einer Mutterpflanze kann man je nach Pflanze 10-15 Nachkommen erzielen.
Beim Absenken werden einzelne Triebe entweder bogenförmig in den Boden abgelegt bzw. mit Erde bedeckt. Um den richtigen Winkel zu erreichen, sollte man den abgelegten Trieb mit 2 Drähten fixieren. Die Bewurzelung findet dann an der tiefsten Stelle statt, so dass pro abgelegtem Trieb nur 1 neue Pflanze gewonnen werden kann.

Absenker: zuerst wird der abgesenkte Trieb mit Drahtklammern fixiert und anschliessend mit Erde bedeckt
Steckfertige, etwa fingerlange Wurzelschnittlinge





Fotos: © DLR

Bei der Vermehrung über Wurzelschnittlinge schneidet man in der vegetationslosen Zeit etwa fingerlange Wurzelstücke. Diese können ab Januar in Vermehrungssubstrat (nur schwach gedüngt) gesteckt und mit Substrat abgedeckt werden. Achten Sie beim Stecken darauf, dass die Schnittlinge nicht verkehrt herum in den Boden kommen. Falls das nicht mehr feststellbar ist, legen Sie die Wurzelstücke einfach waagerecht rein. Bis zum Austrieb können diese Kisten kühl stehen, ab dann sollten sie warm und hell stehen.
Die sicher bekannteste und auch einfachste Form der Vermehrung ist die Steckholzvermehrung. Sie lässt sich bei vielen Gehölzen anwenden, kann ohne große Vorbereitung und Pflege durchgeführt werden und hat eine hohe Erfolgsquote. Die Anforderungen an Steckhölzer sind:
  • Gut ausgereift
  • Kräftige, einjährige Triebe
  • Gesund, wüchsig
  • Sortenecht

Sie werden in der vegetationslosen Zeit nach dem Blattfall und entsprechender Holzausreife geschnitten. Als gutes Maß für die Länge gilt die gute alte Scherenlänge, d.h. 15-20 cm. Gesteckt wird im Herbst oder Frühjahr im Abstand von etwa 10 cm, möglich ist aber die gesamte vegetationslose Zeit. In der Zwischenzeit sollte das Material frostfrei und kühl in Sand eingeschlagen lagern. Achten Sie beim Stecken auf einen guten Bodenschluß, mehr als 2/3 des Steckholzes sollte im Boden sein, nur die oberste Knospe sollte noch herausschauen. Bedenken Sie beim Schneiden, dass der Schnitt über der obersten Knospe leicht schräg verläuft und nicht zu scharf an das Auge herangeschnitten wird (Verletzungsgefahr). Im Laufe der Vegetation bewurzeln sich die Steckhölzer in der Regel ohne Probleme und die Spitzenknospe treibt aus. Zum Herbst können die Jungpflanzen dann meistens direkt an den Endstandort gepflanzt werden.


Gut ausgereifte, auf Scherenlänge geschnittene Steckhölzer
Nach dem Stecken sollte nur die oberte Knospe aus dem Boden herausschauen




Fotos: © DLR



Erprobte Vermehrungsverfahren für verschiedene Pflanzen

VermehrungsartPflanzen
AbrisseAlle Obstunterlagen, Ribes-Aureum-Unterlagen, Stachelbeeren, Johannisbeeren
AbsenkerStachelbeeren, Johannisbeeren
WurzelschnittlingeHimbeeren, Brombeeren
SteckholzJohannisbeere, Stachelbeere, Heidelbeeren

Der Vollständigkeit halber soll hier noch die Stecklingsvermehrung erwähnt werden. Sie wird während der Vegetation im belaubten Zustand durchgeführt (Grünstecklinge) und erfordert einen hohen Aufwand und Kenntnisse. Die Vermehrungsrate kann bei nicht optimalen Bedingungen sehr gering sein, deshalb ist sie für den Garten nicht geeignet.

Fazit:
Neue Obstgehölze kauft man am Besten beim Fachmann in der Baumschule oder Gartenbaubetrieb. Hier ist die Beratung im Preis drin. Wer jedoch Spaß hat am experimentieren, kann einzelne Gehölze auch versuchsweise selbst vermehren. Rechnen Sie damit, dass nicht alles beim ersten Male klappt, denn es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Viel Spaß beim Probieren!


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